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„Man kann kein Geschäft betreiben, wenn man weiß, dass die Menschenrechte im Land nicht eingehalten werden“

  • vor 4 Tagen
  • 7 Min. Lesezeit

Am 11. Juni begann das wichtigste Ereignis für Fußballfans – die Weltmeisterschaft. Die FIFA erwartet, dass die WM 2026 die profitabelste in der Geschichte wird und rund 13 Milliarden Dollar Gewinn einbringen wird. Mit dem diesjährigen Turnier ist jedoch auch viel Kritik verbunden, die vor allem dadurch ausgelöst wird, dass es unter anderem in den USA stattfinden wird.



Erst vor Kurzem gingen erschreckende Fotos von Razzien in Unterkünften von Migranten und vom gewaltsamen Vorgehen gegen Protestierende durchs Internet, und schon heute sollen amerikanische Städte zu Orten des Feierns und der Einigkeit für Fans aus aller Welt werden. Doch nicht alle Fußballliebhaber können darüber hinwegsehen. Und nicht alle werden ohne Weiteres in die USA einreisen können, um das Spiel ihrer Mannschaft live zu sehen.


Ende vergangenen Jahres verhängte Donald Trump ein vollständiges Einreiseverbot für Bürger vieler Länder, darunter zum Beispiel Iran und Haiti – Teilnehmer der diesjährigen WM. Bis zuletzt war unklar, ob die iranische Nationalmannschaft im Zusammenhang mit dem Krieg der USA im Nahen Osten am Turnier teilnehmen würde, und einem bekannten Schiedsrichter aus Somalia wurde wenige Tage vor Beginn des Turniers die Einreise in die USA verweigert – mutmaßlich wegen seiner Staatsangehörigkeit.


Eine weitere wichtige Seite dieses Ereignisses sind die Sportartikelunternehmen. Für sie ist die Fußball-Weltmeisterschaft das bedeutendste (und natürlich profitabelste) Ereignis. Während die Teams auf dem Fußballfeld gegeneinander antreten, liefern sich die Sportartikel ihr eigenes Rennen – um das Recht, die Ausrüstung zu liefern und auf der Brust der besten Fußballer der Welt zu glänzen.


Unter den 48 Teams liegt in diesem Jahr Adidas an der Spitze (Verträge mit 14 Teams). Dahinter folgt Nike (12 Teams) mit dem allseits bekannten Häkchen auf der Brust und Puma (11). Das sind nicht nur Zahlen, sondern ein wichtiger Erfolgsfaktor, denn je mehr Verträge, desto mehr Fans kaufen die Trikots des jeweiligen Herstellers. 


Millionen Menschen tragen Kleidung und Schuhe berühmter Sportmarken, doch nur wenige wissen, wer, wo und unter welchen Bedingungen diese Produkte herstellt. 

Darüber sprach Gazetaby mit dem internationalen Sekretär der deutschen Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IGBCE), Hannes Kühn.


Der Deutsche Fußball-Bund kündigte an, dass ab 2027 Nike Ausrüster der Nationalmannschaft wird. Der Grund: Das Unternehmen bot einen Sponsoringvertrag mit einer Summe, die doppelt so hoch war wie das Angebot von Adidas – 100 Millionen Euro.

Nach 70 Jahren Zusammenarbeit des deutschen Konzerns mit der Nationalmannschaft nahm Nike dem Konkurrenten einen Schlüsselkunden weg. Für Fußballfans in Deutschland ist die Ausrüstung von Adidas ein Teil der Fußballgeschichte, der Identität der Nationalmannschaft, deshalb ist es noch schwer, sich das Team ohne die traditionellen „drei Streifen“ vorzustellen. 


— Ja, das ist schwer vorstellbar, aber man wird sich wohl daran gewöhnen müssen. Die Nationalmannschaft wird tatsächlich gerade mit Adidas assoziiert, und das ist logisch, denn es ist ein deutscher Hersteller. Deshalb geht es hier nicht nur um die Höhe des Vertrags, sondern um eine Tradition, die sich über Jahrzehnte entwickelt hat. Die Entscheidung wurde jedoch zugunsten des attraktiveren Angebots des amerikanischen Herstellers getroffen. 


Zuletzt überraschte Adidas die Fans in diesem Jahr auch dem Preis für die Trikots der deutschen Nationalmannschaft. In den deutschen Medien wird darüber diskutiert, dass der Preis für ein Erwachsenentrikot bei 100 Euro beginnt, und Politiker der CDU haben bereits den Preis von 75 Euro für ein Kindertrikot kritisiert. 


— Ja, die Trikotpreise steigen jedes Jahr, aber diesmal war eine solche Summe wirklich für viele überraschend. Allerdings heißt es, man solle nicht mit sinkenden Preisen rechnen, wenn Nike Sponsor wird. Die Preise für deren Produkte bei anderen Nationalmannschaften liegen derzeit bereits höher als bei Adidas. 


Es gibt Daten, wonach Arbeiter, die diese Produkte – vor allem in Ländern Südostasiens – herstellen, von diesen 100 Euro pro Trikot nur etwa 1 Euro erhalten. 6–7 Euro erhält der Deutsche Fußball-Bund für den Verkauf der Produktionslizenz. Adidas selbst verdient ungefähr 20 Euro an einem Trikot, und der restliche Teil des Preises setzt sich aus Steuern, Margen der Einzelhändler und Transportkosten zusammen.


Fakt bleibt jedoch: Die Arbeiter, die die Trikots herstellen, erhalten nur einen winzigen Teil des Endpreises. Das heißt, selbst eine mehrfache Erhöhung ihrer Löhne würde sich kaum auf den Preis des Endprodukts auswirken. Gibt es eigentlich noch Adidas-Produktion in Deutschland? 


— Ja, in Scheinfeld werden Schuhe für Fußballer hergestellt, insbesondere nach individuellen Bestellungen. Das ist die einzige Produktionsstätte, auf die Adidas noch immer sehr stolz ist. Dort arbeiten etwas weniger als 300 Menschen. Meine Gewerkschaft ist keine Fachgewerkschaft der Textilindustrie, aber wir vertreten die Lederindustrie. Da Adidas ursprünglich ein Schuhunternehmen war, sind wir weiterhin für das Unternehmen zuständig. 


Die Länder, in denen sich die Produktionsstätten von Adidas befinden, liegen vor allem in Asien. Dazu gehören Indonesien, Vietnam, China, Kambodscha, Indien, Pakistan und die Türkei. Mit all diesen Gewerkschaften halten wir grundsätzlich Kontakt. 


Das größte Problem besteht darin, dass Adidas nicht direkt produziert, sondern die Produktion über Zulieferer organisiert – also über Vermittler, die Verträge mit dem Unternehmen haben. Zum Beispiel für eine bestimmte Schuhlinie oder eine Textillinie, und dementsprechend eigenständige Unternehmen sind. Die Arbeiter sind jedoch nicht direkt bei Adidas beschäftigt. Und wenn Probleme auftreten, ist meistens nur der Zulieferer verantwortlich.


Wir kritisieren, dass der Konzern nur eingeschränkte Möglichkeiten für Beschwerden und deren weitere Bearbeitung bietet. Außerdem werden die Grundsätze der Mitbestimmung der Arbeitnehmer und der Tarifverträge nicht überall so umgesetzt, wie es eigentlich sein sollte. 


Adidas hat zwar einen Code of Conduct verabschiedet, in dem das Unternehmen darlegt, wie es die Menschenrechte und Gewerkschaftsrechte in der Lieferkette einhalten will. Und man will sich auch daran halten.


Aber das eine sind Verfahren, die auf dem Papier festgehalten sind, und das andere ist die Frage, wie sie in der Realität funktionieren. Und bei allem, was die Einreichung von Beschwerden durch Arbeitnehmer oder Gewerkschaften betrifft, sehen wir: Hier gibt es Luft nach oben. 


Adidas wurde häufig wegen intransparenter Lieferketten und Arbeitsbedingungen kritisiert, auch in asiatischen Ländern. Hat sich in den letzten Jahren oder Jahrzehnten etwas verändert? 


– Ja. Zum Beispiel dank der UN-Leitprinzipien für multinationale Unternehmen, also Verpflichtungen, den Lieferketten mehr Aufmerksamkeit zu schenken. 


Gleichzeitig produziert Adidas jedoch weiterhin in Myanmar. Das Land steht unter der Herrschaft einer Militärjunta, von der Einhaltung von Rechten kann dort keine Rede sein, und Adidas entzieht sich seit vielen Jahren der Verantwortung. Wir haben das Unternehmen dafür wiederholt öffentlich kritisiert. Dennoch ist es der Ansicht, dass die Produktion dort weitergeführt werden könne. Wir sehen das anders.


Wir haben Adidas mehrfach aufgefordert, Erklärungen abzugeben und seine Tätigkeit in diesem Land zu beenden, aber bis heute ist das nicht geschehen. 


Adidas erklärt immer wieder, dass die Situation für die Menschen sonst noch schlimmer wäre und dass das Unternehmen Verpflichtungen gegenüber den Arbeitnehmern habe, die in den Zulieferbetrieben arbeiten. Wir haben natürlich oft gesagt, dass solche Praktiken nicht fortgesetzt werden dürfen, dass die Menschenrechte eingehalten werden müssen, und vor allem die Gewerkschaftsrechte. Man darf keine Geschäfte mit Zulieferern machen, wenn man weiß, dass diese Rechte nicht eingehalten werden. Und der Druck kam nicht nur von den Gewerkschaften, sondern auch von der Öffentlichkeit, von NGOs, Menschenrechtsorganisationen sowie Umweltorganisationen, die viel getan haben. 


Die Gewerkschaften in Deutschland, einschließlich der IGBCE, haben in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten politisch für eine strengere Einhaltung der Menschenrechte in den Lieferketten globaler Konzerne gekämpft. Das Lieferkettengesetz, das derzeit ebenso wie die europäische Gesetzgebung stark unter Druck steht, ist natürlich gewissermaßen ein Endprodukt. Tatsächlich sind wir aber dank vieler anderer Schritte viel weiter gekommen. 

Jetzt sehen wir jedoch einen Rückschritt in diesem Thema. Denn es geht inzwischen fast nur noch um Berichtspflichten und nicht darum, wie die Situation im Bereich der Menschenrechte tatsächlich verbessert werden kann. Und das ist ein ernstes Problem. Über viele Jahre hinweg haben wir uns darauf zubewegt, die Situation zu verbessern, und jetzt wird das alles irgendwie wieder umgedreht. 


Im vergangenen Jahr ist Adidas in Deutschland aus dem Tarifvertrag ausgestiegen. Warum ist das passiert, und wie erklärt das Unternehmen diesen Schritt? 


– Die offizielle Version von Adidas lautet, dass man die Flexibilität für die Beschäftigten erhalten wollte und dass das Tarifsystem der IGBCE in der Form, in der es bisher bestand, angeblich nicht genügend Flexibilität geboten habe. 


Das entspricht jedoch nicht dem, wie Adidas öffentlich gehandelt hat. Das Unternehmen ist ohne vorherige Ankündigung aus dem Tarifvertrag ausgestiegen und hat seine Mitgliedschaft im Arbeitgeberverband in eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung umgewandelt. Damit ist es nicht länger verpflichtet, den Tarifvertrag mit der Gewerkschaft umzusetzen, über den im vergangenen Jahr in der Schuh- und Lederindustrie verhandelt wurde. 


Wir gehen davon aus, dass Adidas sich in erster Linie von der Tarifbindung lösen wollte. Denn die IGBCE forderte zum Beispiel Vorteile ausschließlich für Gewerkschaftsmitglieder, wie es sie etwa in unserer Chemieindustrie gibt. Gleichzeitig sagt Adidas auf internationaler Ebene, dass man zu Zusammenarbeit und Dialog bereit sei.  


Wie hat die Gesellschaft in Deutschland darauf reagiert? Und die Politik? 


– Leider bislang viel zu schwach. Adidas gehört zu den DAX-40-Unternehmen, und eigentlich ist es nicht hinnehmbar, dass ein solcher Konzern aus dem Tarifvertrag aussteigt. Zudem ist das ein Angriff auf das Modell der Sozialpartnerschaft in Deutschland. 


Die IGBCE organisiert derzeit gemeinsam mit IndustriALL eine Kampagne in asiatischen Ländern. Was sind die Ziele dieser Kampagne? 


– Wir setzen uns dafür ein, ihre Verpflichtungen in der Lieferkette tatsächlich einzuhalten. Im vergangenen Jahr haben wir uns im Rahmen des IndustriALL-Kongresses darauf geeinigt, diese Arbeit zu intensivieren, weil wir sehen wollten, wie die Verpflichtungen umgesetzt werden, die Adidas auf sich nimmt, und verstehen wollten, was verbessert werden kann.



Es wurde klar, dass es Möglichkeiten zur Verbesserung der Beschwerdemechanismen und der Situation mit der Produktion in einzelnen Ländern gibt. Und natürlich haben wir darüber auch versucht, Adidas für sein Handeln in Deutschland zur Verantwortung zu ziehen. Denn wenn das Unternehmen Tarifverträge zum Beispiel in Kambodscha, Indonesien, Indien oder Pakistan anerkennt, in Deutschland aber nicht, dann ist das inkonsequent. Man kann nicht sagen: Wir arbeiten überall wunderbar zusammen, bei den Zulieferern haben die meisten Tarifverträge, dort ist das normal, aber hier in Deutschland machen wir das nicht. 


Immer mehr Unternehmen in Deutschland, das für viele Länder zweifellos ein Beispiel für erfolgreiche Sozialpartnerschaft ist, steigen aus Tarifverträgen aus. Warum geschieht das gerade jetzt? 


– Auch für uns ist das völlig unverständlich, denn gerade in Krisenzeiten zeigt die Sozialpartnerschaft besonders gut, was sie leisten kann. Genau dann kann sie Instrumente, Mittel und Wege finden, um Schwierigkeiten zu überwinden. Und das war immer ein beispielhaftes Element des deutschen Modells. 


Im Moment geschieht Folgendes: Aufgrund globaler Überkapazitäten in der Industrie und des weltweiten Wettbewerbs geraten die Unternehmen stark unter Druck. Und teilweise reagieren sie darauf mit Maßnahmen, die aus unserer Sicht völlig antisozial sind. Zum Beispiel sagen sie: Lasst uns bei den Löhnen sparen. 


Wir sehen, dass es ein Problem damit gibt, wie sich Unternehmen und auch Arbeitgeberverbände verhalten. Immer mehr Arbeitgeberverbände bieten eine Mitgliedschaft ohne Tarifbindung an. Das ist faktisch ein Angriff auf ihr eigenes Arbeitsmodell. Denn der Tarifvertrag bedeutet gleiche Wettbewerbsbedingungen für die Unternehmen selbst. Aber sie tun das nicht und erlauben de facto, sich dieses Instrument selbst aus der Hand nehmen zu lassen. Aus unserer Sicht wird das langfristig nicht funktionieren. Denn wenn man Modelle anbietet, die für Arbeitnehmer unattraktiv sind, braucht man sich am Ende nicht zu wundern, dass man keine guten Fachkräfte findet. 


Viele Unternehmen und Arbeitgeberverbände handeln einseitig, treffen Entscheidungen allein und kündigen Kompromiss und Partnerschaft auf. Aus unserer Sicht ist das völlig unproduktiv, aber genau das passiert derzeit, und wir müssen dem entgegentreten.

 

Yauheni Dzenisenka


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