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Aliaksandr Yarashuk und Hennadz Fiadynich: „Die wichtigste Aufgabe unseres Lebens ist es, Belarus zu einem freien Land zu machen“

  • Autorenbild: Salidarnast Belarus
    Salidarnast Belarus
  • 23. Sept.
  • 6 Min. Lesezeit

Die Gewerkschaftsführer berichten in einem Interview mit Salidarnast, was für sie im Gefängnis am schwierigsten war, warum die Mithäftlinge sie mit Vatersnamen ansprachen, wie sie versuchten, die Isolationshaft in der Strafzelle zu überstehen, und warum die belarussischen Behörden ihnen die Pässe abnahmen.


Aliaksandr Yarashuk
Aliaksandr Yarashuk

Die beiden jetzt freigelassenen politischen Gefangenen sind Aliaksandr Yarashuk [Aljaksandr Jaraschuk], der Vorsitzende des Belarussischen Kongresses Demokratischer Gewerkschaften (BKDP), stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Gewerkschaftsbundes (IGB) und Angehörige des Verwaltungsrates der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), sowie Hennadz Fiadynich [Hennads Fjadynitsch], der langjährige Leiter der Gewerkschaft der Mitarbeiter*innen der Radio- und Elektronikindustrie (REP).


Die beiden Gewerkschaftsführer wurden 2022 verhaftet und aufgrund fabrizierter Beschuldigungen zu unterschiedlichen Haftstrafen verurteilt: Yarashuk zu vier Jahren, Fiadynich zu neun Jahren. Nach ihrer Freilassung befinden sie sich jetzt in Vilnius.

Salidarnast: „Wie geht es Ihnen, körperlich, emotional, psychisch?“


H. Fiadynich: „Sie werden es nicht schaffen [uns klein zu kriegen, fertig zu machen]!“


A. Yarashuk: „Wir sind froh, in Freiheit zu sein, das ist das Erste. Zweitens sind wir jetzt von sehr viel Informationen überschüttet worden. Weil wir lange keinen Zugang zu Medien hatten, braucht es jetzt eine gewisse Zeit, bis wir uns wieder eingewöhnt haben.

Wir machen jetzt im Grunde nur den ersten Schritt auf unserer Rückkehr in ein normales Leben.“


S.: „Haben Sie eine Vorstellung, womit Sie sich künftig befassen werden?“


A.Y.: „Das kann ich noch nicht sagen. Sie müssen verstehen: Das Schändlichste, was sie gemacht haben, ist, dass man uns die Pässe abnahm. Wir hatten bis zuletzt, bis wir die Grenze überquerten, angenommen, dass alles in Ordnung ist, dass die Pässe da sind. Dann stellte sich aber alles ganz anders heraus. Keine Pässe! Und jetzt können wir nicht mehr nach Belarus zurück.


Das Regime wollte uns wohl unbedingt die Möglichkeit nehmen, ins Land zurückzukehren. Das hat sich natürlich heftig auf unsere Stimmung ausgewirkt. Wir sind das Problem aber bereits angegangen und werden weiter daran arbeiten. Und natürlich werden wir darüber nachdenken, wie wir unsere zukünftige Arbeit gestalten können.


Bedenken Sie, dass es noch ein Monat und 20 Tage bis zum Ende der Haftstrafe waren. Ich hatte mich darauf eingestellt, dass ich am 1. November freikomme. Dann hätten sie es nicht riskiert, mich gleich nach Litauen zu bringen. Jetzt haben sie gewissermaßen zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Sie haben von den Vereinigten Staaten einige Erleichterungen bekommen und gleichzeitig für uns sämtliche Brücken zurück nach Belarus abgerissen.“


Hennadz Fiadynich
Hennadz Fiadynich

H.F.: „Nur über belarussische und russische Fernsehsender, die natürlich regimetreu sind; und über Zeitungen, in denen man zwischen den Zeilen das eine oder andere herauslesen konnte.“


A.Y.: Bei mir war es so, dass ich von den dreieinhalb Jahren drei im Gefängnis saß und ein halbes Jahr in einer Strafkolonie. Das Gefängnis ist ein Ort, der sämtliche Lebensenergie aus dir heraussaugt. Da gibt es nichts als offizielle Informationen. Wir hatten also nur eine ungefähre Vorstellung, die weiteren Analysen mussten wir selbst anstellen.“


H.F.: „Durch Gespräche mit Verwandten erhielten wir Informationen, die wir anderweitig nicht lesen oder hören konnten. Es gab auch Mithäftlinge, die weitererzählten, was sie von ihren Angehörigen erfahren hatten.“


A.Y.: „Was den Briefwechsel mit der Familie angeht, so hat die Zensur heftig gewütet: Ganz oft brachten sie Protokolle darüber, dass Briefe deiner Angehörigen oder deine eigenen Briefe vernichtet wurden – wegen irgendwelcher Worte, die ihnen nicht genehm sind. Deshalb hatte ich für mich beschlossen, dass ich mich positiv stimme, so als ob ich gar nicht im Gefängnis sitze. Ich versuchte, die Umstände im Gefängnis vollkommen auszuschalten. Das hat mir geholfen.


Das habe ich auch den anderen politischen Gefangenen gesagt, besonders den jungen. Von denen gab es viele. Wenn es früher noch so war, dass es nur einen politischen Gefangenen in der Zelle gab, und keine anderen Politischen dort untergebracht wurden; später dann reichten die Plätze nicht mehr. Jetzt kann es gut sein, dass pro Zelle zwei oder drei Politische sitzen.“


H.F.: „Nochmal zur Frage der Informationen. Es gab einen Punkt, da begannen sich die Gefängnisverwaltungen dafür zu interessieren, was die politischen Gefangenen lesen, welche Bücher für sie interessant sind. Und diese Bücher wurden dann einfach aus den Bibliotheken entfernt. Dabei wussten sie nicht mal, worum es in den Büchern geht; sie wurden aufgrund des Titels entfernt.“


A.Y.: „Ja, das war so eine Hexenjagd. Weil die Anglosachsen heute in Belarus nun mal der Feind Nummer eins sind, sind auch die Sprachen, auf denen sie sprechen, Feindessprachen. Deshalb wurden englischsprachige Bücher konfisziert.


Einer meiner Bekannten lernte Deutsch, aber auch ihm haben sie das Lehrbuch abgenommen. Er sagte mir später: ‚Gut, dass ich schon das halbe Lehrbuch abgeschrieben hatte, dann kann ich jetzt wenigstens so die Sprache weiterlernen.“


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S.: „Wie war denn ihr Verhältnis zu den Menschen, die tatsächliche Verbrechen begangen haben?“


A.Y.: „Es wurde versucht, Provokationen zu veranstalten, aber im Großen und Ganzen gingen sie auf uns zu; sie machten einen Unterschied zwischen uns und den anderen Häftlingen und versuchten auf verschiedene Weise, eine Art Verhältnis aufzubauen.


Wir haben das sehr wertgeschätzt, weil wir ja schließlich mit unserem Leben und unserem Handeln das Bewusstsein dieser Menschen beeinflussen, die aus ihren tragischen Erfahrungen Schlüsse gezogen haben und das Gefängnis als normale Menschen verlassen wollen.“


H.F.: „Nach einiger Zeit wurden Aliaksandr und ich mit Vatersnamen angeredet, und das muss man sich erst verdienen, das passiert an solchen Orten nicht einfach so. Wenn man dich nur mit dem Vatersnamen anredet, bedeutet das, dass du gewissermaßen jemand ungewöhnliches bist.


Ich wurde sogar mal vom Leiter der operativen Abteilung vorgeladen, weil er mich kennenlernen wollte. Und er fragte: ‚Was werden Sie denn bei uns machen?‘ Ich antwortete: ‚Wenn Sie eine Anweisung erteilen, kann ich eine Gewerkschaftsorganisation aufbauen.‘ Er breitete die Arme aus und meinte: ‚Wo denken Sie hin!‘ Da sagte ich ihm, dass das nur ein Scherz war.


A.Y.: Es bedeutet übrigens auch eine psychologische Unterstützung, wenn du gesiezt und mit dem Vatersnamen angeredet wirst. Und wenn bei jemandem ein Streit aus dem Ruder lief, sagten sie zu mir: ‚Aljaksandr Ijitsch, schlichten Sie!‘ “


S.: „Was war für Sie am schwierigsten im Gefängnis? Mir ist klar, dass dort alles schwierig ist, aber vielleicht gab es eine Zeit, als es besonders schwer war?“


H.F.: „Für mich gab es diesen Moment, als von meiner Enkelin keine Briefe mehr ankamen. Die wurden speziell zurückgehalten, schlichtweg, um mich psychologisch unter Druck zu setzen.


Ich ertrug das eine Weile, dann ging ich zur Gefängnisverwaltung und sagte ihnen, dass wenn ich weiterhin keine Briefe von meiner Enkelin erhalte, meine Verwandten sich an die Staatsanwaltschaft wenden werden und jemand von ihnen Schwierigkeiten bekommt. Das hat gewirkt.“


A.Y.: „Als ich in der Strafkolonie in Schklou war, in der kurz zuvor Vitold Ashurak gestorben war, den sie womöglich umgebracht haben, kam ich in die Strafzelle.


Was das bedeutet, ist nur schwer mit Worten wiederzugeben. In der ersten Nacht dachte ich: Das überlebe ich nicht! Es war dermaßen kalt, dass man es nur eine Viertelstunde im Liegen aushält. Es gab keine Decke; es wurden einfach keine Decken ausgeteilt.


Also liegst du eine Viertelstunde, dann gehst du in die Hocke, machst zehn Minuten Kniebeugen, um dich aufzuwärmen, dann legst du dich wieder eine Viertelstunde hin, und so ging es die ganze Nacht. Jede Nacht musst du zwanzig Mal zum Klo. Am Morgen hatte ich eine Blutung, es tropfte auf den Boden. Dafür erhielt ich eine Abmahnung, und dafür, dass ich nicht geschlafen hatte.


Damals dachte ich: Ihr könnt mich alle mal! Und ich habe in der Zelle Lieder gesungen. Das hatte keinerlei Folgen.“


S.: Haben Sie schon mit jemandem aus Ihrer Familie gesprochen?“


H.F.: „Ja, haben wir; wir konnten sie beruhigen.“


S.: „Werden Sie sie auch sehen können?“


H.F.: „Erstmal wohl kaum. Ein Teil meiner Familie ist in Belarus, und wie soll ich da hingelangen, ohne Pass?! Meine Enkelin ist schon groß, und am Ende ihrer Briefe schreibt sie immer: ‚Opa, ich habe dich lieb, du bist stark, du kannst alles überstehen.‘ Dafür lohnt es sich zu leben.“


A.Y.: Einer meiner Söhne kommt bald nach Vilnius [wenige Stunden nach dem Interview fand tatsächlich dieses langersehnte Wiedersehen statt; Anm. Salidarnast]; mein anderer Sohn lebt mit seiner Familie in Amerika. Auch ich habe eine Enkelin, Milana, die mir sehr fehlt. Ich hoffe, dass ich sie bald wiedersehe.“


S.: „Kam Ihre Freilassung für Sie überraschend, oder hatten Sie schon entsprechende Gerüchte gehört?“


H.F.: „Es gab Gerüchte, es kam aber trotzdem überraschend. In der Kolonie bekam ich zu hören, dass ich unter den Politischen die wichtigste Figur sei, weswegen ich als einer der Ersten freikommen könnte.“


Aliaksandr Yarashuk mit seinem Sohn Yurii
Aliaksandr Yarashuk mit seinem Sohn Yurii

A.Y.: „Im vergangenen Jahr besuchte mich im Juli ein Staatsanwalt aus Minsk; wir haben vier Stunden lang geredet. Er versuchte, mich auf jede erdenkliche Weise dazu zu bringen, dass ich ein Gnadengesuch unterschreibe.


Ich fragte ihn, ob er mir im Ernst vorschlägt, ein Papier zu unterschreiben, mit dem ich Lukaschenka als belarussischen Präsidenten anerkennen würde; und ob er will, dass ich mein ganzes Leben durchstreiche.“


Daraufhin saß er wie versteinert da und sagte, dass er dann nichts für mich tun könne. Ich antwortete ihm: ‚ich hatte Sie ja auch um nichts gebeten‘.


Mir war klar, dass ich damit meine Lage schwieriger machte, aber es war einfach meine Haltung, die ich ihm gegenüber deutlich machte. Wie auch vieles andere in diesem vierstündigen Gespräch.


Und als sie mir vor zwei Tagen sagten, ich hätte 15 Minuten, um meine Sachen zu packen, nahm ich an, dass sie mich außer Landes schaffen wollen, was dann ja auch geschah.“


H.F.: „Was auch passiert – wir bleiben Menschen und Bürger unseres Landes.“


A.Y.: „Wir können heute sagen, dass wir unbedingt zurückkommen werden. Für die wichtigste Aufgabe in unserem Leben, nämlich unser Belarus zu einem freien Land zu machen!“

 

Wiktorija Leontjewa


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