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Vom Straflager nach Bremen: Das Leben nach Lukaschenkos Gefängnis

  • 2. Juli
  • 6 Min. Lesezeit

Aleksander Yarashuk verbrachte viereinhalb Jahre als politischer Gefangener. Nun organisiert der Gewerkschafter den Widerstand gegen das belarussische Regime aus dem Exil. Wie Bremen zum Zentrum dessen wurde.


Von Karolina Benedyk, Weser-Kurier


Foto: Frank Thomas Koch                                                                                                                                      Nach viereinhalb Jahren Haft lebt Aleksander Yarashuk heute im Exil in Bremen. Doch seine Gedanken sind bei seinen belarussischen Kollegen, die noch immer in Haft sitzen - und fiir deren Schicksal er weiter kampft.
Foto: Frank Thomas Koch Nach viereinhalb Jahren Haft lebt Aleksander Yarashuk heute im Exil in Bremen. Doch seine Gedanken sind bei seinen belarussischen Kollegen, die noch immer in Haft sitzen - und fiir deren Schicksal er weiter kampft.

Die Temperaturen liegen nur knapp iiber null. Aleksandr Yarashuk friert, er hat keine Decke. Der Gefangene von damals liegt auf einer Fritsche, umgeben von den kahlen Wanden seiner Gefi:ingniszelle. Nach wenigen Minuten springt er auf. Kniebeugen. Auf der Stelle laufen. Anne kreisen lassen. Irgendetwas, das Wanne erzeugt. Dann legt er sich wieder hin. Wenige Minuten spater beginnt alles von vorn. So vergeht seine erste Nacht im belarussischen Straflager.

Am Morgen hat er Nasenbluten. Und er beginnt zu singen. Bin Kriegslied aus seiner Heimat Belarus. Heute, fiinf Jahre spater, sagt er: "Es war der Moment, in dem ich wusste, dass die Gefiingniswarter mich nicht brechen konnen." Und er glaubt: "Sie wussten es auch."


Yarashuk sitzt im vierten Stock des DGB-Hauses in Bremen. In einem unscheinbaren Büro am Bahnhofsplatz führt er seine Arbeit weiter. Den Kampf der belarussischen Gewerkschafter.


Auf dem Bildschirm seines Laptops laufen Nachrichten aus seiner Heimat. Hinter ihm hängt das rote Logo von Solidarność. Die polnische Gewerkschaftsbewegung trug maßgeblich zum Ende der kommunistischen Herrschaft in Polen bei. Für den 74-Jährigen ist sie bis heute ein Vorbild.

 

Der Mann spricht überlegt und ruhig. Wenn er nachdenkt, senkt er den Blick auf den Schreibtisch. Er wirkt nicht wie jemand, der aneckt oder laut wird. Nichts an ihm erinnert an einen Mann, den ein autoritäres Regime für eine Gefahr halten würde. Doch er war politischer Gefangener, viereinhalb Jahre lang. Das belarussische Regime sperrte ihn in eine Strafzelle, erklärte seine Gewerkschaft zur extremistischen Organisation und brachte ihn nach seiner Freilassung außer Landes.



YARASHUK GLAUBT ZUNÄCHST AN CHANCEN FÜR DEMOKRATIE UNTER LUKASCHENKO


Dabei wollte Yarashuk ursprünglich gar kein Oppositioneller werden. Als Alexandr Lukaschenko 1994 Präsident wird, arbeitet der Agrarökonom im Landwirtschaftsministerium. Er glaubt, dass trotz Lukaschenkos Wahlsieg wirtschaftliche und demokratische Reformen möglich sind.

 

Doch während Lukaschenko seinen Einfluss ausbaut, gerät Yarashuk zunehmend in Konflikt mit der Politik des Präsidenten. Schließlich verliert er seinen Job. Er muss sich neu orientieren. Seine Antwort findet er in einer Institution, die Lukaschenko nicht unmittelbar kontrolliert: den staatlichen Gewerkschaften. Yarashuk wird zum Vorsitzenden der Agrargewerkschaft.

 

Lukaschenko und seine Leute wollen Yarashuk als Gewerkschaftsvorsitzenden loswerden. Erst versuchen sie, Einfluss auf die Delegierten ausüben zu lassen. Als das nicht klappt, unterbreitet der Präsident Yarashuk ein Jobangebot: Botschafter in Polen. Botschafter in Japan. Doch Yarashuk lehnt ab. Kurz darauf erreicht ihn eine andere Nachricht: "Entweder wir lösen dich ab, oder du gehst freiwillig. Aber wenn du nicht gehst, kommen die Männer mit Schulterabzeichen." Gemeint ist der berüchtigte Sicherheitsapparat.

 

Doch Yarashuk bleibt standhaft. "Ich wollte nie in einem Büro sein, in dem das Porträt von Lukaschenko an der Wand hängt", sagt er.

 

Lukaschenko lässt ihn nicht einsperren, feuert ihn jedoch erneut. Daraufhin schließt sich Yarashuk den unabhängigen Gewerkschaften an. Bis heute ist er Vorsitzender des Dachverbands.

 

Yarashuk knüpft Kontakte zu Gewerkschaften und Arbeitnehmervertretern im Ausland. Er hofft, dass internationale Aufmerksamkeit Schutz bietet. Tatsächlich gelingt es ihm, die Lage der Arbeitnehmerrechte in Belarus auf die Tagesordnung der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zu bringen, einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen (UN), die sich mit Rechten von Arbeitern befasst. Als Belarus wegen Verstößen gegen Arbeitnehmerrechte wirtschaftliche Nachteile drohen, wird auch Lukaschenko nervös.


 

DER WIDERSTAND DER GEWERKSCHAFTER


Für einige Jahre entsteht eine Art Gleichgewicht. Die Gewerkschaften werden schikaniert, ihre Arbeit behindert, ihre Vertreter überwacht. Doch sie existieren weiter.

 

Als Lukaschenko sich nach der manipulierten Präsidentschaftswahl 2020 zum Sieger erklärt, gehen Hunderttausende Menschen auf die Straßen. Die Proteste werden niedergeschlagen, Tausende verhaftet. Viele Oppositionelle fliehen ins Ausland.

 

Die unabhängigen Gewerkschaften überstehen diese Repressionswelle zunächst noch, auch weil ein internationales Unternehmen aus dem Kalihandel Druck macht. Es knüpft weitere Geschäftsbeziehungen mit Belarus an die Einhaltung der ILO-Normen an. Den endgültigen Bruch bringt erst der russische Angriff auf die Ukraine.


Im Februar 2022 rollen russische Truppen auch über belarussisches Territorium in Richtung Kiew. Für viele Belarussen ist das ein Schock. Ihr Land wird Teil eines Krieges, den es nie gewollt hat. Kurz darauf veröffentlicht Yarashuk einen Aufruf: „Ich, Vorsitzender des Belarussischen Kongresses Demokratischer Gewerkschaften, rufe Sie auf: Russlands Krieg gegen die Ukraine ist nicht unser Krieg. Wir können ihn stoppen.“



GEWERKSCHAFT WIRD ZU EXTREMISTISCHER ORGANISATION ERKLÄRT


Der Aufruf wird für Yarashuk zum Wendepunkt. Wenig später geht das Regime gegen den Gewerkschaftsbund vor und stuft ihn als extremistische Organisation ein.

 

Yarashuk hat oft über diesen Moment nachgedacht. Warum er sich öffentlich gegen den Krieg stellte, obwohl er wusste, was ihm drohte. Mittlerweile hat er eine Antwort: "Wenn ich nichts gemacht hätte, hätte ich meine Werte verraten", sagt er, "am Ende wird niemand sagen können, dass alle geschwiegen haben."

 

Angeklagt wird Yarashuk wegen Aktivitäten, die das Regime als extremistisch einstuft. Das Urteil lautet auf mehrere Jahre Haft. Doch während Yarashuk und viele andere Oppositionelle hinter Gefängnismauern verschwinden, beginnt in Bremen etwas Neues.


Foto: Frank Thomas Koch

Als die Verhaftungswelle in Belarus beginnt, hilft Frank Hoffer belarussischen Gewerkschaftern, nach Bremen zu kommen.



HILFE AUS BREMEN


Als Frank Hoffer von den Verhaftungen hört, greift er zum Telefon. Der Bremer hat viele Jahre für die ILO der Vereinten Nationen gearbeitet. Die unabhängigen Gewerkschafter in Belarus kennt er seit Jahrzehnten.


Foto: Frank Thomas Koch

Liza Merliak floh vor der Repression in Belarus nach Bremen. Dort baute sie mit anderen Exil-Belarussen die Organisation Salidarnast auf.


Hoffer macht sich Sorgen. Nicht nur um Merliak, sondern auch um ihre Familie. "Sie hat zwei kleine Kinder, ich habe mich gefragt, was mit ihnen passiert, wenn sie eingesperrt wird", sagt er. Sein Rat ist eindeutig: Flieh. Komm nach Bremen. Ich helfe dir.



WIE DER VEREIN SALIDARNAST ENTSTEHT


Merliak folgt seinem Rat. Als sie in Deutschland ankommt, beginnt sie gemeinsam mit Hoffer, dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) und anderen Exil-Belarussen etwas aufzubauen, das es bis dahin nicht gibt: ein Netzwerk für verfolgte Gewerkschafter und ihre Familien.

 

Sie nennen die Organisation Salidarnast, eine Anlehnung an das belarussische Wort für Solidarität. Vom Gewerkschaftsbüro am Bremer Hauptbahnhof aus sammeln die Aktivisten Informationen über Verhaftungen, organisieren internationale Kampagnen und versuchen, politischen Druck auf das Regime in Minsk aufzubauen.


Während sie Namen von Gefangenen dokumentieren und Hilfen koordinieren, verbringt Aleksander Yarashuk seine ersten Monate in der Strafkolonie von Schklou im Nordosten von Belarus. In einer Zelle, in der es zu kalt zum Schlafen ist.

 

Später verlegt ihn das Regime in ein geschlossenes Gefängnis. Dort gibt es keine Fenster. Er sieht den Himmel nicht, hat eine Stunde Hofgang am Tag. Den Rest der Zeit verbringt er hinter Mauern und Gittern.



YARASHUK ALS POLITISCHER GEFANGENER


Um nicht aufzugeben, gibt sich Yarashuk Regeln. Gegenüber den Mitgefangenen lautet die wichtigste: Mensch bleiben. Gegenüber der Gefängnisverwaltung: Vertraue ihnen nicht, habe keine Angst und bitte um nichts.

 

Die Regeln behält er im Hinterkopf. Auch im Sommer 2024, als ihn ein Staatsanwalt aus Minsk besucht. Der Beamte legt ihm ein Dokument vor: ein Gnadengesuch. Es ist die übliche Praxis des Regimes. Wer unterschreibt, erkennt die Legitimität des Präsidenten an und zeigt Reue. Im Gegenzug besteht die Aussicht auf eine vorzeitige Freilassung. Yarashuk lehnt ab.

 

Er erinnert sich, wie der Staatsanwalt versucht, ihn umzustimmen. Doch für Yarashuk ist die Sache grundsätzlicher. Er müsste mit dieser Unterschrift alles widerrufen, wofür er jahrzehntelang eingestanden ist: "Wollen Sie wirklich, dass ich mein ganzes Leben durchstreiche?" Der Beamte antwortet, dass er ansonsten nichts für Yarashuk tun könne. Der sagt: "Ich habe Sie auch um nichts gebeten."



DER GEFANGENENAUSTAUSCH


Yarashuk wird dennoch ein Jahr später freigelassen. Doch das ist nicht das Ergebnis eines Gnadengesuchs. Er wird Teil eines Gefangenenaustauschs, geschlossen zwischen dem Sondergesandten von Donald Trump für Belarus, John Coale, und dem belarussischen Präsidenten.


Im September 2025 öffnet sich nachts seine Zellentür. Wärter holen ihn heraus, legen ihm Handschellen an, ziehen ihm eine Maske über den Kopf und setzen ihn in ein Auto. "Es war wie bei einer Hinrichtung", sagt er. Als die Fahrt endet, ist er in Litauen. Ohne Pass. Ohne Vorbereitung. Ohne die Möglichkeit, nach Belarus zurückzukehren.


Jahrelang hatte er keinen Zugang zu Nachrichten. Nun erfährt er in der litauischen Hauptstadt Vilnius, was außerhalb der Gefängnismauern geschehen ist. Dass sich Exil-Belarussen in mehreren europäischen Ländern organisiert haben. Dass politische Gefangene nicht vergessen wurden. Dass Menschen ihre Namen öffentlich machen, Kampagnen organisieren und versuchen, das Regime unter Druck zu setzen.


Als er in Vilnius ankommt, begreift er, was seine Unterstützer in Bremen während seiner Haft aufgebaut haben. Eine Arbeit, die er nun fortsetzen will.


Wenn Yarashuk im Bremer Büro auf das Symbol von Solidarnosc blickt, denkt er an die polnischen Arbeiter der Danziger Werften. Anhänger der Gewerkschaftsbewegung, die eine entscheidende Rolle beim Ende der kommunistischen Herrschaft spielte.


"Bremen war der erste Standort von Solidarnosc außerhalb Polens", sagt er. Damals, als in Polen das Kriegsrecht ausgerufen wurde, haben die Gewerkschafter eine friedliche Revolution erstritten. "Vielleicht", sagt Yarashuk, "kann so etwas auch in Belarus passieren."

 

Seit einem halben Jahr lebt er hier. Als die deutsche Nationalmannschaft ihr erstes WM-Spiel gegen Curaçao bestreitet, telefoniert Yarashuk mit seiner Familie in den Vereinigten Staaten. "Wir führen", sagt er. Sein Sohn lacht. "Du sagst schon wir?" Yarashuk muss schmunzeln. Zum ersten Mal merkt er, dass Deutschland für ihn mehr geworden ist als ein Ort des Exils.


Quelle: Weser-Kurier



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